De Prael, zwischen gutem Wahnsinn und Menschlichkeit

Ich trinke die De Prael-Biere schon jahrelang und wurde noch nie enttäuscht, war aber bisher nur einmal direkt in der Brauerei, um dort an der Theke für eine sehr lange Zeit Platz zu nehmen. Die Brauerei befindet sich im De Wallen, also in Amsterdams Rotlichtviertel, einem Viertel, in dem einem die seltsame und außerordentlich peinliche Männlichkeit überall unangenehm entgegenstolpert. Manchmal tun mir die Frauen leid, wenn sich die Gestalten der Manneszunft vor ihren Fenstern versammeln und amtlich durchdrehen. Allerdings ist es immer wieder schön anzusehen, wie entspannt die Frauen diesen Gesellen aus aller Herren Ländern den Stinkefinger zeigen und danach die schweren roten Gardinen bis auf Weiteres zuziehen.

Im De Wallen gibt es noch einige schöne Kneipen vom alten Schlag, Schänken in denen kein angesagtes Volk verkehrt, sondern Menschen, die mal besser und mal schlechter im Leben zurande kommen. Aber sie alle passen unfassbar gut in das Bild des alten Amsterdams, das irgendwie auch das Bild meines Amsterdams ist, ein Amsterdam das Johnny Jordaan stolz machen würde.

Zurück zu De Prael. Bei denen arbeiten im Servicebereich nur Menschen, die psychische Probleme haben oder hatten und einigen von ihnen konnte man ansehen, dass sie es nicht leicht hatten. Ich fand es sehr schön, von diesen sehr eigenen Menschen bedient zu werden und das, obwohl nicht jeder Handgriff immer umstandslos saß. Aber wann hat man schon mal in unserer Zeit Kontakt zu Menschen, vor denen sich wahrscheinlich die meisten fernhielten, mich eingeschlossen. Hier bei De Prael bedienten sie einen und so kam man sich näher, stellte fest, dass hinter den ängstlichen Augen des bestimmt 150 Kilo wiegenden Mannes, der sich um mich sorgte, ein sehr ruhiger und nachdenklicher Mensch steckte, einer, der halt irgendwann im Leben die angeblich guten Gleise verlassen hatte. Und wenn wir mal ehrlich sind, beneiden wir alle solche Menschen, die sich trauen, vom Alltagstrott abzukoppeln.

Ich setzte mich also an den Tresen und bestellte ein Double IPA, eine satte dickflüssige Bombe, bei der man das Gefühl hatte, dass es einem die Zunge betäubte. Ein wirklich schweres Bier, das alles hatte, was ein Double IPA haben sollte und vor allem war es absolut gnadenlos. Wie ein Monarch, dem bewusst wird, dass seine Linie am Ende war und der darauf pochte, dass seine Herrschaft nur noch Schutt und Asche für die Zeit nach ihm zu hinterlassen hatte.

Bei De Prael hatte man das Gefühl, dass gebraut wurde, worauf man Lust hatte. Natürlich gab es ein gewisses solides Grundgerüst an Bieren, aber man warf nicht mit unglaublichen Namen um sich. Bei De Prael blieb man sich auf eine gute Art und Weise treu und bei sich, wie zwei Liebende im ewigen Kuss vereint. Ich kann nicht mehr sagen, welche anderen Biere ich von De Prael hatte, ich weiß nur, dass ich irgendwann bei dem Double IPA blieb und nach ein paar Stunden stand auch eine Schale mit Bitterballen vor mir. Dazu gab es, wie es sich gehörte, Senf.

Gegenüber von De Prael befindet sich übrigens eine Sozialklinik und während ich anscheinend im glücklichen Himmel war und ordentlich trank, gingen dort die Gescheiterten der Stadt ein und aus, um sich medizinisch versorgen zu lassen. In Amsterdam war viel kaputtes Leben, etwas, das die Massen an Touristen kaum wahrnahmen. Das passte nicht in die Idylle des Urlaubs, des Entspannens, des Seins, frei von allem. Aber das gottverdammte Leben ist überall und auch dort, wo andere Leute sich im Urlaub einhegen.

Als ich die Brauerei De Prael verließ, fühlte ich mich schwer seemannsmäßig, aber auch tief nachdenklich.

[text & foto: sm]

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