Die Häftlinge im Café „De Doelen“

Diese Kneipe war mir seit 2004 lieb und wenn ich hier war, saß ich nur an der Theke. Ich war der Typ Kneipengänger der früh, vor allen anderen aufschlug. Aber im Café De Doelen blieb ich nie lange allein. Über mich und den Rest der Trunkenbolde wachte ein Bock mit gewaltigen Hörnern, ein Kunstwerk, das vor Jahrzehnten in‘s Holz geschlagen wurde, in‘s Holz geschlagen von einem Mann, der hier jahrelang unzählige Biere trank, bevor er, ohne was zu sagen, von der Bildfläche verschwand. Das Café De Doelen war ein Ort, der wie aus der Zeit gefallen wirkte. Alles war fast schon beängstigend alt, aber gerade das gefiel mir. Hier hingen die letzten schrägen Haudegen Amsterdams rum, tranken in sehr gewagtem Tempo De Koninck und ich passte viel zu gut in dieses sentimentale und selbstverliebte Gemälde, das sie abgaben.

Ich war nur Teilzeit-Amsterdamer, aber man hatte mich über die Jahre als einen von ihnen akzeptiert. Vielleicht lag es daran, dass ich das Leid der Bewohner dieser Stadt nachvollziehen konnte. Gut, steigende Mieten gab es fast überall in Europa, aber einen Grachtengürtel, der jedes Jahr um ein weiteres Stück an Touristen abgetreten wurde, an Leute, die nur für ein schnelles Foto da und dann wieder weg waren, das gab es nur hier. Zumindest vermutete ich, dass mein Verständnis ihrer Lebensumstände bei Ihnen eine Sympathie weckte und uns aneinander band. Sicher war ich mir nicht. Wahrscheinlich lag es aber eher daran, dass ich ab einem gewissen Pegel recht gut mit Menschen konnte.

Pieter war mir von den Amsterdamern, die ich kannte, am liebsten. Er war gerade Kante, lebte mit Hingabe sein Leben an die Wand, aber sein Geld reichte immer für gutes Bier. Im Café De Doelen waren wir wie in einer anderen Welt und in dieser anderen Welt waren wir gefangen. Aber es machte uns nichts aus, dass wir dort jedes Mal als Häftlinge über den blinden Punkt hinaus trinken mussten.

[text & foto: sm]

 

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