Bierlaune

Allzu oft muss die Bierlaune als Rechtfertigung und Ausrede ex post herhalten für die Dinge, die wir nicht zu ernst genommen wissen wollen. Für die Projekte, die nicht ganz zu Ende gedacht waren und deren Scheitern schon von Anfang an vorprogrammiert schien. Bierlaune, das ist die geistige Gemütsverfassung, in der wir uns befinden, wenn das Morgen noch unendlich weit und das sechste oder siebte Bier ganz nah und unmittelbar vor uns auf dem Tresen steht. Was in der Bierlaune erdacht ist, das geht im Nachhinein getrost auch als Quatsch durch. Aber die Bierlaune wäre dialektisch nicht zu Ende gedacht, wenn ihr nicht ein Kern der Genialität, der Schaffenskraft und der Unumgänglichkeit innewohnen würde. Wenn nicht doch fast immer in ihr und durch sie grandiose Ideen das Licht der Welt erblicken, die ganz ernste Dinge nach sich ziehen. Vor dem Hintergrund dessen muss man sich doch ganz schön wundern, wenn jemand nicht zu seiner Bierlaune steht und diese nicht mit breiter Brust selbstbewusst vertritt.

Kopfschüttelnd lesen wir deshalb bei „Panorama“, dass Waldemar Hartmann – der Fußball- und Bierfachmann, der Sportreporter und joviale Gesprächskumpel von Trainern und Spielern, der nicht erst nach drei Weizenbieren locker wird – dass eben dieser Waldemar Hartmann zu Protokoll gibt, dass er sich nicht „aus einer Bierlaune heraus als Wahlkämpfer für die CDU angeboten“ habe. „Herr Hartmann leg[e] Wert darauf, von einer Agentur angefragt worden zu sein. Daraus habe sich auf Nachfrage der CDU eine weitere Zusammenarbeit entwickelt“. Bei so viel technokratischer Vernünftigkeit kann einem die Bierlaune doch nur vergehen.

[text & foto: dd]

 

 

Der Text erschien neben anderen im Bier-Brevier „Unser täglich Bier gib uns heute: Das Bierwort für den Tag“ (tredition, 2020). Es ist das beste Buch seit Horst Hrubeschs „Dorschangeln vom Boot und an den Küsten“. Für jeden Kalendertag hält es einen schönen Biertext bereit. 31 Autor:innen haben mitgeschrieben. Weitere Informationen dazu gibts hier – bestellt werden kann es beim Buchhandel oder direkt beim Verlag: Zur Verlags-Website
Für die, die es ganz eilig brauchen: Jeff Bezos hat auch ein paar Exemplare gebunkert, will sie aber doch jetzt wieder schnell loswerden. Er trinkt lieber Wein, meint er.
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