Café `t Sluisje, sonntags mit dem Rad

Ich mochte Sonntage in Amsterdam. Allerdings versuchte ich, sie nicht irgendwo an den Grachten zu verbringen. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Touristen dort am Sonntag noch schlimmer als sonst drauf waren, und vor allem kam es mir so vor, dass sie auf dieses schrecklich saubere Sonntagsdasein pochten, eine Sichtweise die mir schon immer zuwider war. Warum musste es sonntags weiße Tischdecken, Kaffee und Kuchen geben? Ich bevorzugte am Sonntag, egal in welcher Stadt, Bier und in Amsterdam erst recht, nur mit dem außergewöhnlichen Zusatz, dass es dann Bitterballen mit grobem Senf dazu geben musste.

Also stieg ich meistens so gegen 11 Uhr aufs Rad und fuhr los. Es ging vom Camping Zeeburg über den Zuiderzeeweg, den Waterkeringpad inklusive Todessteigung auf der Schellingwouderbrug in Richtung Nieuwendammerdijk in Amsterdam Noord. Den Nieuwendammerdijk entdeckte ich vor Jahren bei einer meiner ersten Reisen, die ich allein nach Amsterdam unternahm. Damals gab es dort in der Gegend kaum Touristen, nur solche, die sich intensiv mit der ganzen Stadt und ihren unterschiedlichen Stadtteilen beschäftigten. Der Nieuwendammerdijk war eine Aneinanderkettung von schönen Häusern, man könnte sagen grotesk schönen Häusern, manche aus Stein, sehr viele noch aus Holz. Aus den offenen Türen und Fenstern roch es während der warmen Monate häufig nach schweren Gerichten.

Ich kann mich noch dran erinnern, wie ich fast mit dem Rad stürzte, als ich das Café `t Sluisje das erste Mal sah, weil ich bis dahin dachte, dass es solche Kneipen überhaupt nicht mehr gäbe. Das Café `t Sluisje befand sich, wie sollte es anders sein, in einem Holzhaus. Die Farbe war irgendwas zwischen weiß und beige oder vielleicht war auch ganz ein wenig blau dabei. Im Inneren hatte jemand seine Vorliebe für dunkles Holz ausgelebt. Die Tische und Stühle waren in die Jahre gekommen und man konnte sich nicht sicher sein, ob sie noch lange dem Gewicht der Gäste standhalten würden. Die Theke war ein gebrechliches Wunder, die Zapfhähne nicht mehr die neusten, aber sie taten ihre Arbeit gewissenhaft wie ein verlässlicher Ackergaul. Und hinter der Theke stand immer ein netter Mensch, der einen bestens gelaunt bediente. Man konnte sich gut vorstellen, wie hier vor Jahren noch echte Haudegen und Piratenbräute mit Dampf in den Fäusten ihre Biere kippten, um Kraft für den nächsten Tag zu tanken.

Im Café `t Sluisje trank ich das erste Mal Blanche de Namur, natürlich vom Fass und es könnte sogar sein, dass es mein erstes Witbier überhaupt war. Die Bedienung brachte mir ein blasses Getränk, das in einem einfachen 0,25 er-Glas serviert wurde. Die Fruchtigkeit des Blanche de Namur wirkte beim ersten Schluck erschreckend fremd. Irgendwas mit saftiger Zitrone hatte die Finger im Spiel und als ob es nicht genug war, war da dann auch noch diese sich aufdrängende Würze, die sanft an der Zunge knabberte, aber eine gewisse Bissigkeit entwickelte, die unverschämt prickelnd daher kam. Mit diesem Bier fiel es mir nicht besonders schwer, den halben Tag im Café `t Sluisje zu verbringen. Und die Bitterballen waren hier auch gut.

Heute weiß ich natürlich, dass Witbier kein besonders herausforderndes Bier ist. Es ist ein solider Durstlöscher der besten Art. Selbstverständlich. Aber damals, als ich Blanche de Namur das erste Mal im Café `t Sluisje trank, war es für mich eine gottverdammte Offenbarung.

[text & foto: sm, dd]

 

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