Wir brauchen Bier. Aber kein Bier braucht Heimat.

Überall liest man in den letzten Jahren von Heimat. Ministerien werden danach benannt. Brauchtumspflege wird staatlich stärker alimentiert als je zuvor. Trachtenvereine erleben einen Boom. Und Volkstanzgruppen sprießen gerade in den urbanen Regionen wie Pilze im Herbst aus dem feucht-muffigen Waldboden. Sich als progressiv wähnende Politiker umschwänzeln den Begriff. Selbst ein Teil der Linken platziert ihn allerorten und geht doch allen Ernstes davon aus, dass man Heimat neu besetzen und von links behaupten könne. Was will man als Nächstes den Rechten abspenstig machen? Die Volksgemeinschaft? Die Rasse? Es heimatduselt all überall nur so vor sich hin.

Und anscheinend ist auch das Bier vor dieser Dusseligkeit nicht gefeit. „Bier braucht Heimat“ tönt es nicht nur in der überregionalen Presse, sondern jedes Provinzblättchen und jede Bierinfluenza macht mit dem Slogan ihre Texte auf. Und wo Heimatbier nah ist, da ist das romantisierte Lob auf die eigene Scholle nicht weit. Da muss man auch nicht lang warten, bis auf die großen fremdländischen, globalisierten – eben heimatlosen – Braukonzerne geschimpft und gewettert wird. Das bornierte Lob von Heim und Herd, das können wir Deutschen eben besonders gut, und besonders „unverkrampft“ – was hier immer auch enthemmt bedeutet. Das kann man nicht nur bei Thomas Ebermann nachlesen. Wer stolz auf das Bier aus seinem Kaff ist, für den ist es auch kein besonders weiter Weg zum Stolz auf Blut und Boden.

Aber seien wir ehrlich: Das Glücksversprechen des Heimatbiers trügt. So wie unsere Kindheit alles andere als friedfertig war, regionale Landwirtschaft immer auch Gammelfleisch, Mikroplastik und Dioxin bedeutet, so ist Heimatbier nicht schmackhafter, stillt den Durst nicht besser, ist nicht weniger Glyphosat, nicht befreiter von kommerziellen Zwängen und nicht gesünder. Frei nach Franz Dobler: Heimatbier ist eher das, womit man sich totsäuft.

[text & foto: dd]

 

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