Rausch/en

Jetzt saßen sie sich schon eine ganze Weile gegenüber, jeweils die Theke im 90-Grad-Winkel zur linken beziehungsweise rechten. Thomas erzählte ihr eine seiner Geschichten, die er in den letzten Tagen erlebt hatte. Keine Ahnung, worum es dabei ging. Sie kannte weder die Personen, von denen er sprach, noch die Orte. Alles Gesprochene rauschte an ihr vorbei.

Wobei: es war weniger ein rasantes Rauschen, eher so ein langsames wabern und dahinschleppen. Wie der sich ins unendliche ausdehnende Schlussakkord eines dieser Rocksongs aus den Achtzigern. Man tritt endlich, nach siebeneinhalb Minuten Spielzeit kräftig auf das Bremspedal, aber das Ganze kommt nur äußerst langsam, scheinbar nie zum Stehen. Die letzten Takte werden noch einmal endlos in die Länge gezogen und ausgehalten, obwohl man eigentlich schon lange wusste, dass es vorbei ist und es nichts mehr zu erzählen gibt.

Es fiel ihr immer unglaublich schwer, ihm bei seinen Ausführungen konzentriert zuzuhören. Nicht, weil er langweilig war – zumindest hielten ihn alle anderen für einen anregenden Gesprächspartner – aber seine Stimme wirkte auf sie immer einschläfernd. Die war nicht nur unglaublich downtempo, sondern schien kaum über Höhen und Tiefen zu verfügen. Sie bewegte sich sonor in einem Intervallraum von 2 Halbtönen. Nur ab und zu wurde das thomas’sche Grundwaberrauschen durch ein scharfes und abruptes Auflachen seinerseits unterbrochen. Dann musste er wohl gerade über sich selbst lachen, oder über die Dummheit von jemand anderem. Doch bevor man versucht war, die Pointe oder die witzige Bemerkung zu rekonstruieren, hatte sich das Grundrauschen schon wieder fortgesetzt.

Yvonne gab sich dennoch alle Mühe, ihn anzuschauen und interessiert zu erscheinen. Sie konzentrierte sich darauf, den Blickkontakt zu halten. Auch wenn dabei die Gefahr bestand, dass ihr schwindelig wurde. Denn wenn sie zu lange auf einen Punkt an seinem Kopf starrte, dann veränderten sich dessen Proportionen. Dann schien der Kopf auf eine unheimliche Art anzuwachsen und sich noch weiter in den Raum hinein auszudehnen. Dann schoben sich seine Augen nach außen und sein Haaransatz nach hinten und der ganze Kopf wölbte sich. Dann musste sie schnell woanders hinschauen, einen Schluck Bier aus dem Glas nehmen. Danach richtete sie ihre Blicke wieder vorsichtig auf ihn und kontrollierte, ob sich alle Gesichtspartien wieder an dem Ort im Universum befanden, der für sie vorgesehen war.

[text & foto: dd]

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